ZurĂŒck in die Zukunft

Ein RĂŒckgang der ökonomischen Globalisierung durch Corona scheint unwahrscheinlich [Foto: GettyImages]
Es sind nicht nur Ă€ltere Menschen mit Vorerkrankungen, die auf der Liste der potenziellen Opfer der Corona-Krise stehen. Manche sagen auch das Ende der Globalisierung als Folge der Pandemie vorher. Krisen sind tatsĂ€chlich Momente fĂŒr historische Weichenstellungen. Allerdings verĂ€ndert sich nach einer Krise nie alles.

Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt uns, dass sich gesellschaftliche Praktiken als Folge einer Krise dann Ă€ndern, wenn drei Bedingungen erfĂŒllt sind. Die Praktiken mĂŒssen, erstens, als ursĂ€chlich oder zumindest verschĂ€rfend fĂŒr die Krise angesehen werden. Eine exogen verursachte, gleichsam unverschuldete Unternehmenskrise bedarf laut Lehrbuch weit weniger der Restrukturierung als eine endogene, durch eigene Fehler verursachte Krise. Es mĂŒssen, zweitens, Alternativen bestehen, die umsetzbar und nicht allzu kostentrĂ€chtig sind. WĂ€hrend der Ozonkrise beispielsweise konnten sich Ersatzstoffe fĂŒr das verursachende FCKW relativ schnell durchsetzen, da ihre Entwicklung nicht teuer war. Besonders wahrscheinlich fĂŒhrt eine Krise dann zur Änderung, wenn drittens die betroffenen Praktiken schon vor der Krise rĂŒcklĂ€ufig waren. So fĂŒhrte der Zweite Weltkrieg nicht zuletzt deswegen zu einem Dekolonisierungsschub, da der Kolonialismus schon vorher seinen Höhepunkt ĂŒberschritten hatte.

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Don’t believe the lull: Corona politics from the unity of social distancing to populist social division

The political and economic implications of social distancing vary substantively [Gordon Johnson/Pixabay]

The coronavirus forced an unprecedented emergency brake on liberal democracies in recent weeks. Governments enacted sweeping social distancing measures to buy time in learning to control the virus and prevent health systems from collapsing. This new normal under an external threat appears to have changed politics. Governments rally support everywhere, even where populists govern badly. In contrast, even populist opposition actors lose support and acquiesce to the national emergency, as citizen priorities have shifted starkly. Does the Corona crisis thus mark an abrupt ending to the oft-lamented divisive politics of recent decades? Does it rein in a phase of historical unity or even herald the beginning of the end of populism?

In contrast, the emerging political economy of social distancing suggests otherwise. The standard ingredients for populist political conflict are already visible. Existing challenges to material inequalities and privileged social status within constrained democracies which feed populists are likely to exacerbate over social distancing, particularly at the international level. The momentary lull of national unity is thus more likely to give way to the forceful return of familiar distributive and constitutional conflicts of the last decades, but at even higher stakes.

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TrĂŒgerische Ruhepause: Coronapolitik von der Einheit sozialer Distanzierung zu populistischer Spaltung

Die Effekte von sozialer Distazierung variieren national wie global enorm [Gordon Johnson/Pixabay]
Liberale Demokratien haben im Angesicht der Corona-Krise in den letzten Wochen eine historische Vollbremsung vollzogen. Um Zeit im Kampf gegen das Virus zu gewinnen und den Kollaps der Gesundheitssysteme zu verhindern, verhĂ€ngten Regierungen weitreichende Kontakt- und Ausgangssperren. Diese neue NormalitĂ€t im Angesicht einer externen Bedrohung scheint die politische Landschaft zu verĂ€ndern. Die Zustimmung fĂŒr Regierungen steigt, sogar da wo Populisten mit zweifelhafter EffektivitĂ€t an der Macht sind. Dagegen verlieren selbst populistische Oppositionsparteien in vielen LĂ€ndern an RĂŒckhalt. Bedeutet die Corona-Krise also ein abruptes Ende der oft beschworenen polarisierten Politik der letzten Jahrzehnte? LĂ€utet sie eine Phase historischer Einigkeit ein oder sogar den Anfang vom Ende des Populismus?

Die aufkommende politische Ökonomie der rĂ€umlichen Distanzierung wirft Zweifel an dieser Perspektive auf. Vielmehr sind alle in der Forschung identifizierten Zutaten fĂŒr populistische Politisierung bereits ersichtlich: existierende Unzufriedenheit mit materiellen Ungleichheiten und Statusprivilegien in Demokratien mit wackliger UnterstĂŒtzung werden absehbar durch die Krise verstĂ€rkt, vor allem auf internationaler Ebene. Es ist daher wahrscheinlicher, dass die momentane nationale Einigkeit bald zurĂŒck zu bekannten distributiven und verfassungsbezogenen politischen Spaltungen der letzten Jahre fĂŒhren wird, jedoch mit erneut erhöhtem Einsatz. Lesen Sie mehr im vollstĂ€ndigen englischsprachigen Artikel hier.

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Der harte Schatten der Gesundheitspolitik – die COVID-19-Pandemie und die scheinheilige Metapher des ‘Lebenrettens’

Öffentliche Gesundheit muss auch außerhalb von Krisenzeiten PrioritĂ€t haben [A. Forouzani/Unsplash]
Der gegenwĂ€rtige globale gesundheitliche, ökonomische, politische und soziale Notstand wird uns mehr denn je ins Bewusstsein rufen, wie sehr jede und jeder einzelne von uns verantwortlich ist fĂŒr das Gemeinschaftsgut, das sich öffentliche Gesundheit nennt. Auch dann, wenn wir uns nicht gerade „im Krieg“ mit einem hochansteckenden Pathogen befinden. Ende 2018 lebten in Deutschland ĂŒber 87.000 Menschen mit HIV – im selben Jahr hatten sich 2.400 Menschen neu mit dem Virus infiziert. 82.000 MasernfĂ€lle und eine sich stetig verschlechternde Immunisierungsrate wurden 2018 vom WHO-RegionalbĂŒro in Europa registriert, deutlich weniger als die fĂŒr eine Ausrottung der Kinderkrankheit erforderlichen 95%. Infektionsraten sexuell ĂŒbertragbarer Krankheiten sind in den USA zwischen 2014 und 2018 dramatisch gestiegen – 2018 starben dort 94 Neugeborene, weil ihre MĂŒtter sich mit Syphilis angesteckt hatten. Dies sind nur einige von vielen Beispielen dafĂŒr, wie unsere tĂ€glichen Entscheidungen in Gesundheitsfragen – fĂŒr uns selbst, unsere Kinder, gegen safer sex – sich auf die Gemeinschaften und Gesellschaften, in denen wir leben, auswirken können und welche Risiken sie bergen.

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The ugly face of health politics – COVID-19 and the hypocrisy of the ‘saving lives’ metaphor

Public health must remain a key concern also outside times of crisis [Ashkan Forouzani/Unsplash]

As more and more people are voluntarily or forcefully retreating to their homes and isolating themselves from public life and social contact due to the ongoing global health crisis, it might be a good time to reflect on the circumstance that, according to estimates by WHO and UNICEF, in 2018 globally every five seconds a child or young person under 15 died of preventable infectious diseases, such as measles, or of complications in childbirth – many of them a consequence of unsafe births, lacking personnel, equipment, hygiene, infrastructure, and poor maternal health. A few days ago, I met an acquaintance, whose school-aged children have not been vaccinated against measles, carrying a stack of toilet paper packages in preparation for what was bound to come, the German-wide COVID-19 lockdown. The encounter made me aware of the imbalance between our plausible and humane concern for the safety and well-being of ourselves and those close to us on the one hand and a lack of awareness of our own role in preserving public health beyond COVID-19 on the other.

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