Anwälte, Waffen & Geld: Illiberale Gesellschaften und der Aufstieg des Klientelkapitalismus

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Ein alter Popsong aus den 1970er Jahren trägt den klingenden Titel Lawyers, Guns and Money und handelt von einem englischen Auswanderer, der sich nach einem nächtlichen Kartenspiel in den Fängen russischer Mafiosi wiederfindet. Der Titel schien unserem Autor Robert Benson als perfekte Metapher für seinen Blogbeitrag, in dem er über den jüngsten Aufstieg des Klientelkapitalismus nicht nur in autoritären Staaten des Globalen Südens, sondern auch in vermeintlich demokratischen Ländern der Europäischen Union schreibt. Natürlich sind Patronagenetzwerke und die enge Verflechtung wirtschaftlicher und politischer Interessen nichts Neues – dennoch war die Allianz zwischen illiberalen Kräften und freien Märkten nie stärker als heute. Ob BMWs Milliardeninvestition in eine neue Produktionsstätte nahe dem ungarischen Debrecen, angezogen von erschreckend flexiblen Arbeitsschutzgesetzen und einer Körperschaftssteuer von 9%; Donald Trumps wiederholte Verletzung einer US-Verfassungsklausel zum Verbot von Nebeneinkünften; oder zwielichtige Angebote der österreichischen FPÖ an vermeintliche Oligarchentöchter – allerorts wird Rechtsstaatlichkeit von Marktimperativen zurückgedrängt. Ein neues Modell entsteht, in dem antiliberale Tendenzen von Märkten mit legitimiert und belohnt werden. Lesen Sie den ganzen Artikel auf Englisch hier.

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Lawyers, Guns and Money: Illiberal Societies and the Rise of Crony Capitalism

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There is an old rock station back in Boston which had a special knack for playing those lesser-known B side tracks. I am reminded of one, a late 70s pop song by Warren Zevon with the quirky title: Lawyers, Guns and Money. It chronicles the exploits of an English expat who finds himself ensnared by a Russian Mafioso after a late night gambling. Half way through the second stanza he sings ‘send lawyers, guns, and money!’ Partially for its whimsy refrain and partially because I happen to like obscure 70s pop, the track strikes me as the perfect namesake for a piece on the rise of crony capitalism.

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Hilfe! Ich habe ‘backlash’-Schleudertrauma: hin zu einer progressiven Infragestellung

                                                                                                                                                                [Foto: Alex Radelich/unsplash]

Zur Beschreibung der momentanen politischen Lage hat sich ein Großteil der akademischen Welt auf den Begriff backlash (auf Deutsch in etwa Gegenreaktion oder Rückwirkung) eingeschossen. Er beschreibt im Englischen eine starke negative Reaktion auf soziale oder politische Entwicklungen, oft verbunden mit einer Idealisierung der Vergangenheit und der Rückforderung verloren geglaubter Privilegien. Allerdings ist der Begriff irreführend: zunächst verkennt er die Heterogenität der Strömungen, die die gegenwärtige liberale Weltordnung in Frage stellen. Klarerweise existieren reaktionäre Kräfte, die Pluralismus untergraben und Freiheitsrechte aushöhlen wollen. Doch dies verstellt oftmals den Blick dafür, dass es auch marginalisierte Gruppen gibt, die gegen die momentane Ordnung aufbegehren, weil diese ihren eigenen Versprechen nicht gerecht wird. Darüber hinaus stellt der backlash-Begriff aber auch eine implizite Verteidigung des Status Quo dar. Die Betonung freier Märkte und individueller Autonomie erscheint somit als unumstößlich; der Blick für Alternativen jenseits des liberalen Paradigmas geht verloren.

Robert Benson lotet in seinem neuen Blogpost die Grenzen und Möglichkeiten des backlash-Konzepts aus und entwirft neue Perspektiven auf ein globales Phänomen. Lesen Sie den vollständigen englischsprachigen Artikel hier.

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Help! I have ‘backlash’ whiplash: Towards a progressive contestation

                                                                                                                                                              [Photo: Alex Radelich/unsplash]

For lack of a better term– or for reasons of inexactitude– scholars have zeroed in on the term ‘backlash’ to describe our current political moment. I would like to take some time to unpack this historically, and to offer some tentative thoughts on how to re-frame contestation as distinct from mere ‘backlash’. To begin with, a ‘backlash’ is defined as a strong negative reaction to a social or political development. It often harkens back to a fabled past and represents an attempt to reclaim a set of privileges. Images of segregationists in the American South come to mind. And yet, not all those who contest the current order are reactionary. In fact, many social movements are born from a desire to emancipate. The concept of a ‘backlash’ precludes this possibility. It articulates a subtle suspicion of those who would question prevailing orthodoxies, regardless of the substance of their critique or the manner with which they engage politically.

In framing contestation as a ‘backlash’ we accept the grand narrative of a liberal teleology. That is, the almost evangelical belief in a rules-based international order, which privileges markets and individual autonomy. For better or worse, we are told that there are no real alternatives. This is a lethal form of intellectual inertia: it sanitizes politics and immobilizes debate precisely when we need it most.

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Kein ‘business as usual’: Die Rolle von Akademiker*innen im Zeitalter von Trump überdenken


                                                                                                                                                                  [Photo: Cole Keister/unsplash]

„Mein Haus brennt, und ich stelle die Möbel um!“ – dieses russische Sprichwort stehe exemplarisch für die gegenwärtige Krise der Sozialwissenschaften, argumentiert Robert Benson in seinem neuen Beitrag. In Zeiten von Neoautoritarismus in Gestalt von Trump und Bolsonaro, Repressionen gegen universitäre Einrichtungen im Herzen Europas und rechtsextremen Mobs auf den Straßen von Chemnitz seien Akademiker*innen mehr denn je in der Pflicht, sich zu Wort zu melden. Stattdessen dominierten nach wie vor elitäre Debatten innerhalb akademischer Zirkel, weit entfernt von allgemeiner öffentlicher Wahrnehmung. Doch wenn Wissenschaft weiterhin nach dem von Max Weber konstatierten Muster betrieben werde – berechnend, exakt und gefühllos, so spiegeln auch die resultierenden Debatten diese Haltung wider. Als Sozialwissenschftler*in hingegen habe man, frei nach Howard Becker, den Luxus moralischer Indifferenz aufgegeben. Daher plädiert Benson für ein Ende des Maulkorbs – es sei an der Zeit, den Elfenbeinturm zu verlassen und kollektiv die Stimme zu erheben.

Den vollständigen englischsprachigen Artikel finden Sie hier:

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This cannot be business as usual: re-examining the role of the scholar in the age of Trump


                                                                                                                                                                 [Photo: Cole Keister/unsplash]

The Austrian jurist Hans Kelsen wrote in the summer of 1932 ‘one hears talk on all sides of a crisis—and sometimes even a catastrophe— of democracy’. Embroiled in a bitter exchange with his fellow legal scholars, the erstwhile philosophy teacher from Vienna was increasingly isolated and at odds with his profession. ‘Those who are for democracy’ he argued ‘cannot allow themselves to be caught in the dangers of idle debates’. Spirited in his defense of the Weimar Constitution, Kelsen was not in keeping with the times. There was, he believed, a sense of urgency to his scholarly work that his contemporaries simply did not understand. We live in a world, he lamented­, absent of heroes. Within months of accepting his professorship at the University of Cologne, Kelsen was summarily dismissed on political grounds.

‘History may not repeat itself’, the Yale historian Timothy Snyder argues, ‘but it certainly instructs’. Once again there is talk of a crisis of democracy. Yet like the fatigue which comes at the onset of a fever, there exists a disorientating malaise amongst social scientists. We work and publish; we debate with our colleagues, but to what ends?

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Der wundersame Fall der (Beinahe-) Republik Nordmazedonien

Eine Statue Alexanders des Großen in Skopje [Foto: Robert Benson]
Am 30. September wurden die Einwohner*innen eines kleinen Staates an der Peripherie Europas zur Wahl gebeten, um darüber abzustimmen, ob Namen mehr sind als Schall und Rauch. Für die Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien steht allerdings weit mehr auf dem Spiel als die von außen teils haarspalterisch anmutende Frage der Landesbezeichnung. Seit der Unabhängigkeit Mazedoniens im Jahr 1991 schwelt ein Konflikt mit dem Nachbarstaat Griechenland, dem eine Aneignung des Namens zur Benennung der geographisch-historischen Region Makedonien in Nordgriechenland vorgeworfen wird. Die Griechen bezichtigen Mazedonien ihrerseits, hellenisches Kulturgut für sich zu vereinnahmen – nicht zuletzt durch eine Vielzahl pompöser Monumente zu Ehren Alexanders des Großen in der Hauptstadt Skopje. An der Benennungspolitik entzündet sich jedoch gleichzeitig die Frage einer potenziellen Mitgliedschaft Mazedoniens in der NATO, die durch Griechenlands Veto seit Jahrzehnten blockiert wird. Obwohl 90% der im Referendum abgegebenen Stimmen zugunsten eines Ja zur Namensänderung ausfielen, ließ sich insgesamt weniger als ein Drittel der wahlberechtigten Bevölkerung an die Urnen locken.

Was dies für den weiteren Verlauf der Verhandlungen mit Griechenland sowie die parlamentarische Ratifizierung des Abkommens bedeutet und welche Rolle Russland im geopolitischen Kräftespiel zukommt, erfahren Sie im neuen Beitrag von Robert Benson.

Den vollständigen englischsprachigen Artikel finden Sie hier:

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The curious case of the (almost) Republic of North Macedonia

A statue of Alexander the Great in Skopje [Photo: Robert Benson]
On September 30th, the people of a small country on the periphery of the European Union went to the polls to ask the question: what, if anything, is in a name?

For the Former Yugoslav Republic of Macedonia, the stakes could not be higher.  Since its independence in 1991, Macedonia has been in a quixotic albeit highly-charged public row with Greece over its official state title. The problem stems from the perceived appropriation of the name Macedonia from a geographic and historical region of northern Greece which shares the country’s namesake.

The Greeks, for their part, claim that the government of Macedonia has deliberately tried to co-opt its Hellenic culture through a policy of ‘antiquisation’. Literally, the building of garish monuments and bronze statues scattered seemingly ironically through the capital city of Skopje and culminating in a surreal tribute to Alexander the Great: A spectacle that one must first see to believe.

The policy was the brainchild of then Prime Minister Nikola Gruevski, whose nationalist government was brought down by a series of dramatic wiretapping revelations in 2016 and who this year was found guilty of abusing state funds.

Yet lavish spending and recriminations aside, the otherwise risible dispute has serious policy implications that extend well beyond the Balkan Peninsula.

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