Die WHO nach Corona: Verfügungsgewalten für die nächste Pandemie?

Das Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation in Genf [Copyright : WHO/Pierre Virot]

Anmerkung : Dieser Beitrag erschien zunächst auf verfassungsblog.de.

Hätte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch der mysteriösen Lungenerkrankung im chinesischen Wuhan schon im Dezember 2019 zum öffentlichen.  Gesundheitsnotstand von internationaler Dimension erklärt, wäre es womöglich nicht zu spät gewesen, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen, die mittlerweile zum globalen Notfall ungekannten Ausmaßes herangewachsen ist. Doch angesichts des begrenzten Mandats und eingeschränkter politischer Autorität der WHO war dieses Szenario weit von der Realität entfernt. Tatsächlich haben Beschwichtigung und Applaus in Richtung China die Situation womöglich sogar verschärft. Die Corona-Krise hat die Lücken in der Governance globaler Infektionskrankheiten schonungslos offengelegt.

Das Repertoire der WHO an Notstandsmaßnahmen ist relativ eingeschränkt. Wie die meisten anderen internationalen Organisationen fehlen ihr Durchsetzungskapazitäten, wodurch ihre Autorität weitgehend von Anerkennung und freiwilliger Regelbefolgung durch die Mitgliedsstaaten abhängt. Zweifellos leistet die WHO im Rahmen der COVID-19-Pandemie wichtige Arbeit – die Führungsrolle, die sie in vergangenen Krisen oft innehatte, vermeidet sie momentan hingegen. Sollte die Organisation zur Bewältigung künftiger Krisen mit mehr operativer Macht ausgestattet werden?

Lesen Sie mehr über das gegenwärtige Dilemma der internationalen Gesundheitspolitik im englischsprachigen Beitrag hier.

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The WHO After Corona: Discretionary Powers for the Next Pandemic?

The WHO headquarters in Geneva, Switzerland [Copyright : WHO/Pierre Virot]

Note: This post was originally published on verfassungsblog.de.

Imagine the World Health Organization (WHO) had declared the outbreak of the mysterious lung ailment in the Chinese city of Wuhan a potential public health emergency of international concern already in late December 2019. Imagine it had immediately decreed a precautionary lockdown of the metropolitan area until the severity of the illness was assessed or the virus extinct. It might have been just in time to halt the spread of the disease which by now has become a supreme global emergency of unforeseen proportions.

Of course, this scenario was far from realistic given the WHO’s limited mandate and political authority. In reality, far from stopping the crisis dead in its tracks, its approach of appeasement and applause vis-à-vis China may have exacerbated the situation. The coronavirus crisis exposes deep gaps in the global governance of infectious diseases. Tragically, rectifying those problems would mean painful adaptations not only at the costs of national sovereignty, but also of democracy and constitutionalism.

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Ausnahme oder dauerhafte Ermächtigung? Zur Notstandspolitik internationaler Organisationen

Wie wird die WHO auf den Ausbruch von 2019-nCoV reagieren? [Foto: Getty Images]

Anmerkung: Eine erste Version dieses Artikels ist im Dezember 2019 auf E-IR erschienen. Der Autor dankt Hendrik Damerow für Unterstützung bei der Übersetzung aus dem Englischen.

In den letzten drei Jahrzehnten haben internationale Organisationen (IOs) erheblich an politischer Autorität hinzugewonnen. Gleichzeitig jedoch bleibt IO-Autorität in der Praxis stark eingeschränkt. In der täglichen Politik verhindern Meinungsverschiedenheiten zwischen mächtigen Staaten, rechtliche Hürden und allgemeine Souveränitätsbedenken nicht nur die Ausweitung von IO-Autorität, sondern behindern auch generell deren wirksame Ausübung.

In Zeiten globaler oder regionaler Krisen schaffen „Gelegenheitsfenster“ und politische Notwendigkeiten jedoch zuweilen Bedingungen, in denen „Autoritätssprünge“ auftreten können, wenn IOs selbstbewusst eingreifen und normalerweise geltende rechtliche oder politische Zwänge umgehen. Im Lichte außergewöhnlicher Umstände können IOs strukturell ähnlich agieren wie nationale Regierungen im Ausnahmezustand: Sie eignen sich Notstandsgewalten an, indem sie ihren exekutiven Ermessensspielraum ausdehnen und gleichsam in die Rechte der Regelungsadressaten eingreifen. So zumindest argumentiere ich in meinem neuen Buch Emergency Powers of International Organizations (EPIO).

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Ratchet or rollback? Explaining the consequences of IO emergency powers

How will the World Health Organization act in light of 2019-nCoV? [Shaadjutt/GettyImages]

Note: A first version of this article originally appeared in December 2019 on E-IR.

The past three decades have seen a considerable rise of political authority enjoyed by international organizations (IOs). At the same time, however, IO authority practically remains highly constrained. In everyday politics, disagreement among powerful states, legal hurdles, and general sovereignty concerns not only hinder discreet expansions of IO authority, but also impede its effective exercise more generally.

Yet, in times of global or regional crisis, windows of necessity and opportunity sometimes create conditions in which “leaps of authority” occur, as IOs intervene assertively in circumvention of legal or political constraints of normal times. Justified by exceptional circumstances, IOs may do something structurally very similar to what we know of national governments in the state of exception: they adopt emergency powers by expanding their executive discretion and interfering with the rights of their rule-addressees. This, at least, is what I argue in my new book Emergency Powers of International Organizations (EPIO).

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Verliert Europa die Kontrolle über sein Demokratieproblem?

© Photo von Patrick McManaman auf Unsplash

In seinem Blogbeitrag diagnostiziert Christian Kreuder-Sonnen einen autoritären Zyklus, in dem sich Demokratiedefizite der Europäischen Union (EU) und der Mitgliedstaaten gegenseitig verstärken.

Während die politische Entscheidungskompetenz der EU gestiegen ist, sind Mechanismen der demokratischen Legitimation zu vermissen. Dieser Prozess kulminierte für Kreuder-Sonnen erstmals in der Euro-Krise: Anstatt via dem Europäischen Parlament für repräsentative Legitimation im Krisenmodus zu sorgen, wurden wichtige politische Entscheidungen zunehmend an quasi-autoritäre notstandspolitische Institutionen delegiert. Auf der anderen Seite wächst der nationalstaatliche Populismus mit autoritären Zügen in einigen Mitgliedstaaten, was zu einer Erosion der Institutionen liberaler Demokratien führen kann. Kreuder-Sonnen argumentiert, dass diese beiden Entwicklungen zusammenhängen und sich sogar noch gegenseitig verstärken.

Die komplette englischsprachige Version des Beitrags finden Sie hier.

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Is Europe’s democracy problem spiraling out of control?

© Photo by Patrick McManaman on Unsplash

The EU is currently marked by democracy problems at both the community and the member state levels. In the past decades, European decision-making authority has grown exponentially in breadth and depth without providing for appropriate mechanisms of democratic (input) legitimation. This is referred to as the EU’s democratic deficit. On the other hand, there has been a widespread surge of nationalist populism in the member states that has an authoritarian inclination. In some cases, such as Hungary and Poland, they have started to effectively undermine the domestic institutions of liberal democracy. I argue that these two developments are causally linked and mutually reinforcing, fueling a vicious cycle of increasingly authoritarian rule at the national as well as the supranational level.

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